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Die Bündische Zeit

 

Jugendkulturen in sozialgeschichtlicher und

sozialwissenschaftlicher Perspektive

 

 

 

 

 

 

Übung im Politikseminar im Wintersemester 1995/96, der Georg-August-Universität Göttingen. Leitung: Prof. Dr. Walter

erstellt von Joachim Streit

 

 

 

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1        Einleitung 

2      Die Gesellschaft der Weimarer Republik

2.1            Auswirkungen des Krieges auf die Jugend

2.2       Neue Räume für die Jugendbewegung 

3        Bündische Jugend

3.1       Eine zeitliche Eingrenzung

3.2       Was bedeutet „bündisch“?

4        Gruppenstrukturen

4.1            Verbreitung 

4.2            Struktur

5        Ideologien 

5.1            Volksgemeinschaft

5.2            Jugendreich 

5.3            Bündisch-revolutionäre Ideologien

6      Kultur der Jugendbewegung 

6.1       Stil

6.2            Fahrten 

7        Beeinflussung der Gesellschaft

7.1            Standort der bündischen Jugendbewegung in der Gesellschaft

7.2            Auswirkungen auf die Gesellschaft

8        Schlussbetrachtung

9        Literaturliste

 

 

 

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1 Einleitung

Die Bündische Jugend, die zweite so bezeichnete Jugendbewegung in Deutschland, wird auf die Zeit der Weimarer Republik festgelegt. Wie kommt es zu Bildung der Bündischen Jugend? Weshalb wird die Form der Wandervögel von der neuen Bewegung abgelehnt? Die Rolle der Gesellschaft bei der Herausbildung dieser neuen Jugendbewegung soll in diesem Referat genauso untersucht werden, wie die Frage ob die Bündische Jugend (partei-) politisch ist oder nicht. Die Schwierigkeit der Eingrenzung, welcher Teil der Jugend als bündisch betitelt werden kann und die Struktur der Bewegung, werden versucht dar zustellen, dabei wird das Problem deutlich, die „Kernbünde“ von den großen Bünden zu trennen. Das Kapitel „bündisch-revolutionäre Ideologien“ versucht am Rande die Stellung der Bündischen Jugend in der Gesellschaft, gegen Ende der Weimarer Republik, zu zeigen.

 

 

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2 Die Gesellschaft der Weimarer Republik

Die Weimarer Republik ist ständig von wirtschaftlichen Krisen erschüttert. Die Zukunftssicherung der meisten Bürger und Arbeiter ist durch den Krieg zerstört worden. Es tritt eine Verarmung der Bevölkerung ein. Die nach dem Krieg erreichte Vollbeschäftigung wird durch noch nie gekannte Massenarbeitslosigkeit abgelöst. Sie trifft alle Klassen der Gesellschaft, Arbeiter wie auch Angestellte.

Das Bürgertum ist Verunsichert und fürchtet den Verlust von Privilegien und um ihren Status in der Gesellschaft. Die Demokratie ist neu für Deutschland. Demokratisches Handeln und Denken ist für viele Gesellschaftsgruppen kaum begreifbar. Es herrscht eine politische Kultur von wirtschaftlicher und sozialer Desorganisation (Giesecke, H. 1981).

2.1 Auswirkungen des Krieges auf die Jugend

Die Jugendlichen der frühen Weimarer Republik wachsen zum Teil ohne Väter, Leitfiguren, auf, welche im Krieg gefallen sind. Die Überlebenden berichten von der Gemeinschaft und dem Zusammenhalt in den Schützengräben. Diese Gemeinschaft steht im Gegensatz zu der Zeit der Orientierungslosigkeit in der die Jugendlichen leben. In ihr gibt es keine Gemeinschaft, sondern nur Konkurrenz und das Sehnen nach einer Volksgemeinschaft. Dieses Sehnen verbreitet sich zunehmend in den Bünden.

2.2 Neue Räume für die Jugendbewegung

Die Nachkriegszeit ist unter anderem durch Erlebnishunger geprägt. Es gibt mehr Freiräume für Jugendliche um sich zu entfalten. Der Reformgedanke, den die Wandervogelbewegung mit entfacht hat, wird in viele Bereiche des bürgerlichen Lebens übertragen. Die Jugend wird von der Gesellschaft nun als Potential des Wiederaufbaus gesehen und stark umworben.

Institutionelle Jugendgruppen übernehmen viele Formen des Wandervogels wie Kleidung, Liedgut, Fahrten und die Ideologie der Enthaltsamkeit (vgl. Raupach, H. 1980). Die eher als autonom, also ohne Erwachsenenverband oder Förderverein, agierenden Kernbünde (meist kleine Bünde, bestehend aus Gymnasiasten und Studenten, um die sich andere Gruppen bildeten) versuchen sich von diesen Gruppen durch einen strafferen Stil abzugrenzen. Es ist die Zeit, in der immer mehr Gruppen mit Jugendlichen Wanderungen unternehmen. Diese Gruppen erreichen gegen Ende der Weimarer Republik fast die gesamte Gesellschaft. Die Weimarer Republik bringt den Sieg der organisierten, öffentlichen Jugendarbeit über die freie, nicht organisierte Jugendbewegung (vgl. Giesecke, H. 1981).

 

 

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3 Bündische Jugend

3.1 Eine zeitliche Eingrenzung

Die vor dem 1. Weltkrieg aktiven Jugendbewegten versuchen, soweit es der Krieg zu lässt, ihr Gruppenleben weiter zu führen. Die Mitglieder die den Krieg überlebten und sich selbst noch nicht zu alt für die Bewegung fühlen, versuchen einen Wiederaufbau der Freideutschen Jugend. Anfang der 20er Jahre scheitert dieser Versuch jedoch auf Grund von zu starken politischen Unterschieden der einzelnen Gruppen (Tagung der Freideutschen in Hofgeismar 1920; vgl. Giesecke, H. 1981). Die Jugendbewegung des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts scheitert an politischer Polarisierung. Nun beginnt die Zeit der Bünde. Die Zeit der Bünde reicht vom Anfang der 20er Jahre bis zu dem Verbot durch den Nationalsozialismus (spätestens durch: RdErl. d. RFSSuChdDtPol (Himmler) v. 26.6.39).

3.2 Was bedeutet „bündisch“?

In der Literatur wird der Begriff „bündisch“ nicht genau definiert. Im allgemeinen werden darunter Gruppen verstanden, die keinen Institutionen angehören aber einen bestimmten Führungsstil vertreten. Es gibt eine unüberschaubare Zahl von Bünden, geschätzt werden mehr als 1200 (Kneip, R. 1974), zu denen zum Teil auch die Pfadfindergruppen gezählt werden. Ihre Größe reicht von einem Dutzend bis zu 60.000 Mitgliedern, letztere Zahl steht für den Jungdeutschen Orden, ein Zusammenschluss aus mehreren Bünden. Dabei muss betont werden, dass die meisten Gruppen vor Ort nur aus wenigen Mitgliedern bestehen und somit eine emotionale Personenbindung möglich ist, überregionale Strukturen gibt es nur selten.

Trotz des verbreiteten Führerdenkens in den Bünden, ist die Absage an den Scoutismus ein Merkmal der Bewegung (vgl. Wilhelm, T. 1980). Man will möglichst wenig Organisation und sich nur mit dem Wesentlichsten beschäftigen. Dennoch kann man keine exakte Trennlinie zwischen Bündischen Gruppen, weiter existierenden Wandervögelverbänden und Pfadfindern ziehen. Die Trennung zwischen den Kernbünden und den später aufkommenden „Kampfgruppen“ ist ebenfalls nur an manchen Punkten durchführbar, was die Beurteilung der Gruppenstrukturen erschwert. Es kommt eher zu einer Verschmelzung von Inhalten, Stilen und Ideologien.

Zitate aus der Bündischen Zeit, die die Geisteshaltung widerspiegeln:

Bündisch, das ist das Bekenntnis zur Leistung und Verantwortung; bündisch, das verlangt das ganze Leben.“ (aus Hoffman, F. 1933)

 

„Man ist entweder im Inneren bündisch, vom Bündischen besessen, und dann hat man als Tatenmensch den Drang, es aus sich herauszustellen und die Welt nach dem eigenen Inbild zu gestalten. (...) Uns ist das Bündische Leidenschaft und Gesetz, Lebensform und Bild der neuen Lebensordnung,....“ (Löser, F. 1932)

 

Diese Zitate zeigen einen absoluten und elitären Ansatz, der für diese Gruppen typisch ist. Für die Mitglieder der Gruppen zählt das ganzheitliche Erlebnis, es gibt keine Beschränkung auf eine Sache. Es entstehen Lebensbünde, von denen es heute noch einen aktiven gibt: den Nerother Wandervogel, dessen Bundesführer ist auf Lebenszeitbestimmt. Der Begriff Lebensbund beschreibt die Intensität des Zusammenlebens, nicht unbedingt auch die Dauer des Zusammenlebens.

 

 

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4 Gruppenstrukturen

4.1 Verbreitung

Die Bewegung geht hauptsächlich von den großen Ballungsräumen der Weimarer Republik aus, wie Berlin, Ruhrgebiet, etc.... Im Laufe der Zeit verbreiteten sich die Bünde aber fast über das gesamte deutschsprachige Gebiet; so gibt es Gruppen in der Tschechoslowakei (Bund Staffelstein der Sudetendeutschen Jugend) und in Österreich. Einen Nachweis, ob auch in ländlichen Räumen Bündische Gruppen vorkommen, lässt die Literatur offen.

Die Mitglieder der Jugendgruppen kommen zur Anfangszeit aus der bürgerlichen Gesellschaft und sind Gymnasiasten oder Studenten. Jugendliche aus der Arbeiterschicht haben entweder nicht die Zeit mit mitzuwirken, weil sie schon im Erwerbsleben stehen oder engagieren sich in politischen, gewerkschaftlichen oder konfessionellen Gruppen. Erst gegen Ende der Weimarer Republik kommen auch Arbeiterjugendliche in die bündischen Gruppen.

4.2 Struktur

Die Struktur der Bünde ist auf ein totalitäres Führersystem ausgerichtet. Wobei die Geringschätzung des Organisatorischen Hand in Hand geht mit der Vorliebe für Führung und Gefolgschaft (vgl. Wilhelm, T. 1980). Die Gruppen stellen den klassischen Typus der modernen nichtfamiliären Primärgruppe dar ( Wilhelm, T. (1980). Zwischen den Mitgliedern und dem Führer herrscht eine persönliche, emotionale Bindung. Der Führer muss seine Qualifikation ständig unter Beweis stellen und ist strengen und anspruchsvollen Maßstäben unterworfen. Er ist die verkörperte Idee, Vorbild, genießt Vertrauen, ist Vaterersatz. Ein „außerhalb“ der Gruppe gibt es für in praktisch nicht. Teilt er z. B. ein Teil seiner Freizeit mit seiner Freundin, so gilt er schon als Verräter der bündischen Idee und verliert seine Position (Giesecke, H. 1981).

Das Aufgehen im Ganzen, ebenso in der Gruppe, ist keine Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, sondern förderte eine Entfaltung von Ich-Stärke und Autonomie. „Die Bünde haben aus der Jugendbewegung das Erlebnis der Gemeinschaft gewonnen, und zwar einer Gemeinschaft freiwillig sich einordnender Menschen, die in unmittelbarer Verbundenheit zueinander stehen. Damit ist die primäre Stellung des Ganzen gegenüber den Teilen gesichert. Aber nicht so ist die Relation Gemeinschaft und Einzelner gedacht, dass die Persönlichkeit ausgelöscht wird und nur und ausschließlich aus der Gemeinschaft zu erklären ist. Sondern der Einzelne, wenn auch Produkt und abhängig von der Gemeinschaft, hat als Persönlichkeit sich zu entfalten, hat eine neue Einheit von Leib und Seele zu erstreben, die ihn von Grund aus umbildet.“ (Hoffmann, F. 1933: S. 14)

Die (Kern-)Bünde fühlen sich als Elite, als auserlesene Gruppe, die abgehoben von der Masse denkt und wirkt. Aufgrund des Elite&shy;denkens kann nicht jeder Mitglied werden. Die Gruppen suchen sich ihre Mitglieder aus, speziell die kleinen Bünde. Sie suchen direkt in Schulen und Universitäten, sie „keilen“ ihre Mitglieder. Wer sich bei ihnen bewirbt musst strenge Aufnahmeprüfungen bestehen. Die zum Teil auch als bündisch bezeichneten Pfadfindergruppen und politischen Gruppen gehen nicht immer so vor. Bei ihnen zählt Masse, dies unterscheidet sie auch von den wirklichen (kleinen) Kernbünden. Ein anderer Unterscheidungspunkt ist, dass die Bünde zwar ebenfalls wie andere Jugendorganisationen von Erwachsenen, ehemaligen Jugendbewegten so genannten „ewig Jugendbewegten (Giesecke, H. 1981)“, geleitet werden, diese es aber nicht im Auftrag eines gesellschaftlichen Großverbandes tuen. Zubedenken sei hier allerdings, dass nur wenige Führer über 30 Jahre alt sind, das Gros der Führer ist zwischen 17 und 25 Jahre alt, somit selbst noch als Jugendliche ein zu ordnen (vgl. Raupach, H. 1980).

Die Gruppen sehen sich als „Orden“ oder „Ritterschaft“, geben sich Namen die ihren elitären Anspruch widerspiegeln. Sie sehen sich als die guten edlen „Weißen Ritter“ die nur das Beste für ihr Volk wollen.

 

 

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5 Ideologien

Die Ideologien der Bünde sind weitgehend von den Kernbünden bestimmt. Von ihnen aus gingen neue Gedanken an die anderen Jugendbünde. So sind die Bünde allgemein auch nicht als politisch „links“ oder „rechts“ einzuordnen, allerdings sind sie antidemokratisch eingestellt. In ihrem Denken finden sich fast alle bürgerlich-kleinbürgerlichen Ideologien wieder. Sie sind primär unpolitisch und nicht parteipolitisch. Ausnahmen gibt es auch hier. Die Positionen der Bünde sind von unterschiedlicher Radikalität, welche bei allen Gruppen, mit verschiedenen Konsequenzen, gegen Ende der Weimarer Republik zu nimmt. Die Bestimmung der Ideologien bereitet Schwierigkeiten, weil in der Literatur nur unklar zwischen den Kernbünden und den ihnen nacheifernden Gruppen unterschieden wird. Gerade die Unterscheidung zwischen unpolitischen Gruppen und parteipolitischen Gruppen wäre wichtig.

5.1 Volksgemeinschaft

Die Gruppen haben die Vorstellung eines natürlichen Staates, der dem Wesen des Volkes entspricht. In der Volksgemeinschaft gibt es keine Klassenunterschiede und Parteien sondern nur die Gemeinsamkeit aller Deutschen, nicht nur innerhalb der Reichsgrenzen. Man baut auf Führer und nicht auf (Partei-) Funktionäre. Ganzheitliches Handeln, für das die bündischen eintreten, beinhaltet die Liebe zur Nation, zum Volk. Es gipfelt im opferbereiten Dienst an der Gesellschaft. „Die Idee der Nation ist den bündischen alles, und jede Kritik des bestehenden Sozialsystems erhält ihre Härte und Schärfe von hier aus, und jeder Gedanke einer Neuordnung wird hierhin ausgerichtet. Die klassenlose, die sozialausgeglichene Volksgemeinschaft ist die Voraussetzung für die Einheit der Nation.“ (Hoffman, H. 1933)Die Nation wird als Nation der Deutschen verstanden, somit stört alles was nicht deutsch ist, auch Juden. Juden sind nicht in den Bünden vertreten. Sie haben ihre eigenen Bünde und dachten genauso Deutsch-National wie die meisten Menschen in der Weimarer Republik.

5.2 Jugendreich

Schon der Wandervogel hat die Vorstellung eines Jugendreiches, zu dem er der Grundstock sein wollte. Diese Idee wird von den Bünden und Teilen der Gesellschaft übernommen und weiter aus gebaut. Damit ist nicht nur das Recht auf Jugend und Entfaltung in der Zeit des Jugendlich-Seins gemeint, sondern auch die Bildung eines Jugendreiches. Man versteht sich als Lebensform zur Heranbildung von Führerpersönlichkeiten, zu deren Hervorbringung die Gesellschaft nicht fähig sei. Dieses Jugendreich ist eine Fiktion, wie die meisten Ideologien der Bündischen. Da größten Teils das Verständnis für die Realität fehlt und keine Vorstellungen herrschen, wie ein solches Reich überhaupt durch zu setzen sei.

5.3 Bündisch-revolutionäre Ideologien

Am Anfang der 30er Jahre gibt es die Auffassung in den Sozialwissenschaften, dass die Bündische Jugend revolutionär sei. Man geht davon aus, dass sie einen aggrarrevolutinären Standpunkt vertritt. Dabei wird nicht mehr zwischen Kernbünden, institutionellen Gruppen oder politischen Gruppen unterschieden. Die Bünde werden als radikal eingestuft und gelten als politisch aktiv. Ihre aggrarrevolutionäre Haltung wird mit dem Sehnen nach der Volksgemeinschaft begründet. Die Aggrarevolution würde den organischen Volksstaat hervorbringen, den die Bünde anstreben.

Dem ist entgegen zustellen, dass die Organisationsformen der Bünde, wenn es überhaupt eine Organisationsstruktur gibt, dilettantisch ist. Und ihr politischer Sachverstand der Realität viel zu weit entrückt ist, dass man die gesamte Bewegung als revolutionär einstufen könnte.

 

 

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6 Kultur der Jugendbewegung

Die Bündische Jugend will als primäres Ziel keine neue Jugendkultur, sondern das Jugendreich. Trotzdem bringt sie eine neu Jugendkultur hervor. Das Liedgut der Gruppen änderte sich von den Wandervögelliedern, die romantisch, träumerisch von Sehnsüchten erzählten, hin zu Landsknechts- und Reiterliedern begleitet mit „Klampfe“ und Trommel, die blutrünstig und wild sind. Es werden gegen Ende der Weimarer Republik Trompeten, bzw. Fanfaren eingesetzt, um eine gewaltige Stimmung zu erzeugen. Dieses Stilelement wird vor allem bei Aufmärschen der „Kampfgruppen“ eingesetzt. Diese Aufmärsche sollen Stärke und Gemeinschaft beweisen. Begleitet werden solche Massenaufmärsche, die zum Teil in der Nacht stattfinden, durch Banner, Fahnen und Fackeln. Die kleineren Kernbünde veranstalten zwar keine Massenaufmärsche mit schweren Stiefeln und propagandistischen Reden, aber die Stilelemente werden von ihnen z. T. auch gebraucht. Es ist nicht eindeutig nachvollziehbar, welche Gruppierung sie als erste verwenden.

6.1 Stil

Dadurch, dass institutionelle Gruppen den Stil und das Auftreten der ehemaligen Wandervogelgruppen übernommen haben, wollen sich die neuen Jugendbewegten schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild von der breiten Masse abheben. Sie empfinden den Stil der institutionellen Gruppen als verwahrlost und ungepflegt, so wählen sie eine straffes, militärähnliches Auftreten. Im Nebeneinander mit anderen Bünden entwickelt sich ein Wettbewerb um Mitglieder und um die öffentliche Geltung. Die gewählten Ausdrucksformen, stellen „eine notwendige Hülle eines geistigen Inhaltes“ (Wilhelm, T. 1980) dar. Allerdings übernehmen andere Gruppen diese Formen wiederum. Neuerungen von Stil und Ideologien gehen fast ausschließlich von einem kleinen Kreis aus und breiteten sich schnell auf die ganze Bewegung aus (vgl. Raupach, H. 1980).

Zum militärischen Äußeren gehören Fahrtenhemden mit Abzeichen, die man von den Pfadfindern übernimmt, genauso Halstücher. Später kommen Marineblusen, Jungenschaftsjacken (Juja), Koppel und Schulterriemen dazu. Wimpel, Banner und Fahnen werden geweiht und auf Fahrten und bei großen Treffen mit geführt.

6.2 Fahrten

Der Stil der Fahrten ändert sich gegenüber den Wandervogelwanderungen vor allem in der Motivation des „Wanderns“. Zogen die Wandervögel noch „aus grauen Städte Mauern“ in die grüne Natur. So suchen die Bünde eher die Einsamkeit der Landschaft. Man ist nicht mehr durch die Schönheit von Farben und Gerüchen beeindruckt, sondern mehr durch große, leere Weiten, die das Gefühl der Geborgenheit im Bunde verstärken.

Das Militär verkauft aus alten Beständen Zeltplanen (vgl. Raupach, H. 1980) und Tornister, diese dienen nun den Gruppen auf Fahrt. Man ist nun von den Bauern , welche durch die wirtschaftliche Not auch betroffen sind und die Jugendlichen nicht mehr so gerne aufnehmen, unabhängig. Andererseits verlieren die Gruppen dadurch auch den Kontakt zur Bevölkerung, was sie in eine noch stärkere Illusion ihrer Gemeinschaft führt. Durch die zerlegbaren aber großen Zelte ist es möglich eine ganze Gruppe von bis zu zwölf Leuten unterzubringen. In der Mitte vereint ein „loderndes Feuer“. Die Fahrt wird, zumindest für die Kernbünde, zum geimschaftsprägenden Erlebnis. Die großen Bünde veranstalten Zeltlager mit mehreren Hundert Teilnehmern. Dazu ist ein starker Organisationsgrad erforderlich und der einzelne Teilnehmer kann nur noch wenig von einem solchen Lager für sich gewinnen. Das zeigt unter anderem, warum die kleinen Bünde eine viel größere Bindungsenergie aufbringen, als die großen Organisationen.

 

 

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7 Beeinflussung der Gesellschaft

Die Jugendbewegung des frühen 20sten Jahrhunderts hat die Gesellschaft in der Weimarer Republik verändert gegenüber der Wilhelminischen Zeit. Die Jugend wird als Entwicklungsstadium des Menschen akzeptiert und gefördert.

7.1 Standort der bündischen Jugendbewegung in der Gesellschaft

Betrachtet man nur die Kernbünde, so stehen diese eher am Rand der Gesellschaft. Wobei sie indirekten Einfluss auf die großen Bünde haben. Diese wiederum stehen in der Öffentlichkeit. Sie fallen auf durch Straßenkämpfe und Aufmärsche. Die Kernbünde dagegen haben wenig Interesse an der Öffentlichkeit und in ihr zu wirken. Für sie zählte hauptsächlich das ganzheitliche Leben im Bund. Weshalb sie auch, trotz politischen Denkens, als unpolitisch eingestuft werden können.

7.2 Auswirkungen auf die Gesellschaft

Die Jugendgruppen dieser Zeit sind ein Produkt der Gesellschaft, womit die Frage aufkommt, ob eine Jugendbewegung überhaupt die Gesellschaft in der sie lebt beeinflussen oder gar verändern kann. Die Weimarer Zeit ist von Unsicherheit und Wandlungen in allen Lebensbereichen betroffen. So auch die Bündische Jugend. Die großen Jugend Organisationen übernehmen bestimmte Formen und Inhalte von ihr, genauso wie die Bünde von ihnen Elemente übernehmen. Es gibt eine starke Vermischung von Stilen und Formen, dabei ist nicht mehr klar zu trennen was von welcher Gruppe kam.

Die großen Bünde gegen Ende der Weimarer Republik prägen das Bild in den Städten, durch Aufmärsche und Schlägereien. Die Gewaltbereitschaft geht aber nicht direkt aus ihnen hervor, sondern ist in breiten Gesellschaftsschichten vertreten.

 

 

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8 Schlussbetrachtung

Das Problem der Unterscheidung zwischen Kernbünden und den großen Bünden ist wie erwähnt schwierig zu lösen. Dennoch ist diese Unterscheidung wichtig, da die meisten Neuerungen von den kleinen Gruppen kommen und die geistigen Führer erst durch diese Gruppen hervor kommen konnten. Gerade die Struktur der „Führung und Gefolgschaft“ ist bei ihnen noch natürlich gewachsen und durch die soziologische klein Gruppe erklärbar. Das ist es bei den Massenvereinen dieser Zeit nicht mehr. Dort erscheint das Führungssystem als aufgesetzt und zum Machtinstrument verdreht, was später in der HJ besonders deutlich zum Vorschein kommt.

Eine Pauschalisierung der Bewegung ist hier, wie an vielen Stellen nicht möglich und man würde den unzähligen Splittergruppen dadurch auch nicht gerecht werden. Somit ist eine Antwort auf die Eingangs formulierte Frage, ob die Bündische Jugend politisch ist, nicht möglich.

Die Bündische Jugend wurde 1939 unter Hitler verboten, doch gibt es in der heutigen Zeit noch Gruppen die sich dem „ganzheitlichen“ Anspruch der Bündischen der Weimarer Republik verschreiben. Die Formen und Stile der Pfadfinder und der „neuen“ Bündischen (und ähnlichen Gruppen) haben sich mittlerweile so stark durchmischt, dass von Außen keine klare Klassifizierung mehr möglich ist. Diese „neue“ Bewegung bringt nur noch wenig aus den eigenen Reihen hervor. Sie kann in manchen Teilen als Verein zur Pflege von Kulturgut gesehen werden. Nur bedingt können diese heutigen Gruppierungen als Bewegung einer Generation verstanden werden, so wie es die Jugendbewegung in der „Bündischen Zeit“ war.

 

 

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9 Literaturliste

Duckstein, W. (1989): „Uns geht die Sonne nicht unter: Evangelische Jugend in Hannover...“. Stuttgart - 157 S.

Giesecke, H. (1981): „Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend: Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik“. München - 232 S.

Hoffman, F. (1933): Die bündisch - revolutionäre Ideologie“. In: Greifswalder Universitätsreden, Greifswald

Kneip, R. (1974): „Handbuch der Jugendverbände“; Frankfurt

Laqueur, W. (1978): „Die deutsche Jugendbewegung: Eine historische Studie“. Köln - 279 S.

Löser, F. (1932): „Vom Bündischen“; Blätter zum politischen Einsatz, hrsg. v.d. Bündischen Reichschaft; Potsdam, 5.Jhg., 12. Heft, S.9

Meyer, K. (1950?): „Der Aufbruch der Bündischen Jugend“. In: „Mach mit!“, Ein Buch für Jungen die Pfadfinder werden wollen. Kassel - 298-300

Nitter, E. & Schmid - Egger, H. (1983): „Staffelstein: Jugendbewegung und katholische Erneuerung bei den Sudetendeutschen zwischen den großen Kriegen“. München - 383 S.

Peukert, D. J. K. (1982): „Jugend unter Hitler“. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Berlin - 20 S.

Raupach, H. (1980): „Lebensform, Führungsstil und Aktivitätsraum der deutschen Jugendbünde in der Zeit der Weimarer Republik“. In:„Was war das - die Jugendbewegung?“. hrsg. Gemeinschaftswerk Dokumentation der Jugendbewegung. Köln - 37-47

Wilhelm, T. (1980): „Der geschichtliche Ort der deutschen Jugendbewegung“. In: „Was war das - die Jugendbewegung?“. hrsg. Gemeinschaftswerk Dokumentation der Jugendbewegung. Köln 5-27

 

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